Nachrichten 29.10.2019

Osteoporotische Frakturen: Macht die Wahl der Antikoagulation hier einen Unterschied?

Ob sich im Fall einer Langzeit-Antikoagulation für ein Nicht-Vitamin-K-abhängiges orales Antikoagulans (NOAK) oder einen Vitamin-K-Antagonisten (VKA) entschieden wird, scheint im Hinblick auf osteoporotische Frakturen einen Unterschied auszumachen. Das legen Ergebnisse einer dänischen Registerstudie nahe.

Es gibt mehrere gute Gründe, bei der oralen Antikoagulation ein NOAK einem VKA vorzuziehen. Dazu gehört möglicherweise auch, dass NOAKs mit einem niedrigeren Risiko für osteoporoseassoziierte Frakturen einhergehen. Ein entsprechender Vorteil wird jedenfalls jetzt durch eine retrospektive Analyse von landesweit erhobenen Registerdaten aus Dänemark dokumentiert.

Sie kommt zu dem Ergebnis, dass das Risiko für osteoporotische Frakturen oder die Einleitung einer medikamentösen Osteoporose-Therapie bei Langzeit-Antikoagulation mit NOAKs im Zeitraum von zwei Jahren relativ um 16% niedriger war als bei Gerinnungshemmung mit VKA (5,21% vs. 6,43%; Hazard Ratio 0,84; 95% Konfidenzintervall 0,76-0,93). 

Was sagen Biochemie und Epidemiologie?

Vitamin K ist bekanntlich auch für den Knochenmetabolismus von Bedeutung. Ein wichtiges Vitamin-K-abhängiges Protein ist dabei vor allem das aus Osteoblasten freigesetzte Osteocalcin. Der VKA Warfarin hemmt die gamma-Carboxylierung mehrerer Proteine, darunter die Gerinnungsfaktoren II, VII, IX und X. Eine Hemmung der Vitamin-k-abhängigen gamma-Carboxylierung von Osteocalcin könnte zu einer Abnahme der Knochendichte und Zunahme von Frakturen führen.

Zudem wird spekuliert, dass Nahrungsveränderungen bei VKA-Einnahme möglicherweise die Zufuhr von Folsäure vermindern und so zu einer Hyperhomozysteinämie führen, was ebenfalls die Knochenstärke beeinträchtigen könnte. Bisherige Beobachtungsstudien zur Assoziation einer Warfarin-Therapie mit Knochenveränderungen und Frakturen haben allerdings widersprüchliche Ergebnisse hervorgebracht.

Vor diesem Hintergrund haben dänische Untersucher um Casper Binding vom Copenhagen University Hospital Herlev and Gentofte in Hellerup in einer landesweiten Registerstudie das Risiko für osteoporoseassoziierte Knochenbrüche in Abhängigkeit von der Wahl der Antikoagulation bei Patienten mit Vorhofflimmern analysiert. In die finale Analyse gingen Daten von  37.350 Patienten ein, von denen 12.168 (32,6%) mit einem VKA und 25.182 (67,4%) mit einem NOAK (Dabigatran, Rivaroxaban, Apixaban oder Edoxaban) behandelt worden waren. Bestehende Unterschiede zwischen beiden Gruppen etwa bezüglich Alter oder Geschlecht zwangen die Studienautoren zu adjustierten Analysen.

Mit NOAKs im Vorteil

Das absolute 2-Jahres-Risiko für jegliche Frakturen war in beiden Gruppen niedrig, gleichwohl gab es einen signifikanten Unterschied zugunsten der Antikoagulation mit NOAKs (3,09% vs. 3,77%; adjustierte HR 0,85, 95% KI 0,74-0,97). Auch im Hinblick auf osteoporotische Frakturen waren NOAKs mit einem relativ um 15% niedrigeren Risiko assoziiert  (2,29% vs. 2,82%; adjustierte HR 0,85, 95% KI 0,72-0,99). Bezüglich der Initiierung einer Osteoporose-Medikation ermittelten Binding und seine Kollegen im Vergleich zur Antikoagulation mit VKA ebenfalls ein relativ um 18% niedrigeres Risiko (2,44% vs. 3,14%; HR 0,82; 95% KI 0,71 – 0,95).

Wegen ihres bezüglich der Knochengesundheit günstigeren Profils halten die Studienautoren um Binding NOAKs bei Patienten mit Vorhofflimmern und starken Risikofaktoren für osteoporotische Frakturen im Vergleich zu VKA für die klar bessere Wahl.

Literatur

Binding C. et al.: Osteoporotic Fractures in Patients With Atrial Fibrillation Treated With Conventional Versus Direct Anticoagulants. J Am Coll Cardiol 2019;74:2150–8

Highlights

DGK-Kongress to go

DGK.Online 2020 – der Online-Kongress der DGK: Damit Sie auch in Zeiten eingeschränkter Versammlungs- und Reiseaktivitäten immer auf dem aktuellen Stand sind. Sehen Sie Vorträge zu aktuellen Themen von führenden Experten - wann und wo immer Sie wollen.  

Corona, COVID-19 & Co.

Die Ausbreitung des Coronavirus hat einschneidende Folgen auch für die Herzmedizin. Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Herzinfarkt in Corona-Zeiten: Sterberisiko in den USA höher als sonst

Weltweit haben Klinikeinweisungen aufgrund von akuten Herzinfarkten in Corona-Zeiten abgenommen. Eine Studie aus den USA deutet nun an, wie sich dies auf die Überlebenschancen der Patienten ausgewirkt hat.

„Valve-in-valve“-Therapie: Was bringt sie auf längere Sicht?

Die kathetergeführte „Valve-in-valve“-Methode wird bei Fehlfunktionen zuvor implantierter chirurgischer Herzklappen-Bioprothesen immer häufiger genutzt. Wie sind ihre Ergebnisse auf längere Sicht? Eine multinationale Registeranalyse gibt darüber Aufschluss.

Antikoagulation bei COVID-19: Steigen die Überlebenschancen mit höheren Dosen?

Eine SARS-CoV-2-Infektion erhöht das Thromboserisiko. Einige Experten sprechen sich deshalb für eine therapeutische Antikoagulation aus. Doch die scheint einer aktuellen Studie zufolge nicht die erhoffte Wirkung zu erzielen.

Aus der Kardiothek

Was sehen Sie im Kardio-MRT?

Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement) mit Darstellung eines Kurzachsenschnitts im mittventrikulären Bereich. Was ist zu sehen?

BNK-Webinar "Von den Toten lernen für das Leben"

Alle verstorbenen COVID-19-Patienten werden in Hamburg obduziert und häufig auch im CT  betrachtet. Rechtsmediziner Prof. Klaus Püschel gewährt einen Einblick in seine Arbeit und erläutert die Todesursachen der Patienten – mit speziellem Fokus auf das Herz.

Kardiologische Implikationen und Komplikationen von COVID-19

Sind Herzpatienten besonders gefährdet und welchen Einfluss haben ACE-Hemmer und Angiotensin-II-Rezeptor-Blocker? Dies und mehr beantwortet Prof. Martin Möckel, Internist, Kardiologe und Notfallmediziner von der Berliner Charité.

Bildnachweise
DGK.Online 2020/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
BNK-Webinar/© BNK | Kardiologie.org
Webinar Prof. Martin Möckel/© Springer Medizin Verlag GmbH