Nachrichten 03.04.2018

Postoperatives Vorhofflimmern ist anscheinend weniger bedrohlich

Vorhofflimmern, das nach koronaren Bypass-Operationen  erstmals  auftritt, ist als Risikofaktor für Schlaganfälle einer neuen Studie zufolge wohl weniger bedeutsam als Vorhofflimmern ohne Bezug zu Operationen. Nach Ansicht der Studienautoren hat das Implikationen für die Therapie.

Postoperatives Vorhofflimmern war in einer Studie dänischer Untersucher mit einer signifikant um 33% niedrigeren Rate an ischämischen Schlaganfällen, TIAs und peripheren Thromboembolien assoziiert als Vorhofflimmern bei nicht operierten Patienten. Die Studienautoren ziehen daraus den Schluss, dass wohl nicht alle Patienten mit diesem besonderen Vorhofflimmern-Typ  einer längerfristigen oralen Antikoagulation zum Schutz von Schlaganfällen und systemischen Thromboembolien bedürfen.

Daten aus dänischen Registern

Die Gruppe um Dr. Jawad Butt von der Universitätsklinik in Kopenhagen hat für ihre retrospektive Analyse Daten aus landesweiten Registern in Dänemark herangezogen. In diesen Registern wurden zunächst 7524 Patienten ohne Vorhofflimmern identifiziert, die zwischen den Jahren 2000 und 2015 einer isolierten koronaren Bypass-Operation unterzogen worden waren. Davon hatten 2324 (30,9%) nach der Operation erstmals Vorhofflimmern entwickelt.

Im Verhältnis 1:4  wurden 2108 Patienten mit postoperativem Vorhofflimmern dann 8.432 „gematchte“ Personen mit nicht-valvulärem Vorhofflimmern ohne Bezug zu chirurgischen Eingriffen gegenübergestellt, die im Hinblick auf demografische Merkmale wie Alter, Geschlecht, CHA2DS2-VASc-Risikoscore und Jahr der Vorhofflimmern-Diagnose mit der zu untersuchenden Gruppe übereinstimmten.

Das anhand des CHA2DS2-VASc-Scores ermittelte Schlaganfall-Risiko (mittlerer Score: 3,1) war in beiden Gruppen gleich. Während aber nur bei 8,4% aller Patienten mit postoperativem Vorhofflimmern in den ersten 30 Tagen nach der Bypass-Operation eine orale Antikoagulation eingeleitet worden war, betrug  der Anteil der mit Antikoagulanzien behandelten Patienten in der Gruppe mit nicht-valvulärem Vorhofflimmern  immerhin 42,9%.

Ereignisraten signifikant unterschiedlich 

In den ersten Jahren nach der Operation war die kombinierte Rate für die Ereignisse Schlaganfall, TIA und Thromboembolien in peripheren Gefäßen in der Gruppe mit postoperativem Vorhofflimmern signifikant niedriger als in der Vergleichsgruppe mit nicht-valvulärem Vorhofflimmern  (18,3 vs. 29,7 Ereignisse pro  1.000 Personenjahre; adjustierte Hazard Ratio 0,67; p < 0,001). Auch im Hinblick auf Gesamtmortalität und Wiedereinweisungen aufgrund von  Vorhofflimmern  war das Risiko für Patienten mit  postoperativem Vorhofflimmern jeweils niedriger.

Zwar zeigte sich, dass eine orale  Antikoagulation  in beiden Gruppen mit niedrigeren Ereignisraten assoziiert war. Bemerkenswert ist andererseits aber auch, dass das Risiko für Thromboembolien bei Patienten mit postoperativem Vorhofflimmern nicht signifikant höher war als bei bypassoperierten Patienten, die kein Vorhofflimmern entwickelt hatten.

Noch keine definitive Klärung

Das lässt darauf schließen, dass eine gerinnungshemmende Prophylaxe  zwar bei einigen Patienten mit postoperativem Vorhofflimmern von Vorteil sein könnte, insgesamt aber bei dieser Gruppe von geringerem Nutzen ist als bei Patienten mit nicht-valvulärem Vorhofflimmern.  Um  den Stellenwert der Antikoagulation bei postoperativem Vorhofflimmern  definitiv klären zu können, bedarf es jedoch weiterer – idealerweise randomisierter – klinischer Studien. Das sehen auch die dänischen Studienautoren so.

Literatur

Butt JH, et al.: Long-term thromboembolic risk in patients with postoperative atrial fibrillation after coronary artery bypass graft surgery and patients with nonvalvular atrial fibrillation. JAMA Cardiol. 2018; online 28. März

Zurzeit meistgelesene Artikel

Highlights

STEMI – mein Alptraum – aus Fehlern lernen

Prof. Dr. Christoph Liebetrau, UK Heidelberg

Erstes Antidot gegen Faktor-Xa-Hemmer jetzt in Deutschland verfügbar

Andexanet-alfa, das erste in der EU zugelassene Faktor-Xa-Inhibitor-Antidot zur Behandlung lebensbedrohlicher Blutungen bei Antikoagulation mit  Rivaroxaban oder Apixaban, ist seit dem 1. September verfügbar, teilt die Portola Deutschland GmbH mit

Neuartiger Lipidsenker besteht Test in erster Phase-III-Studie

Über positive „Top Line“-Ergebnisse  der ersten Phase-III-Studie zur Wirksamkeit und Sicherheit des innovativen Cholesterinsenkers Inclisiran  informiert aktuell der Hersteller. Im Detail wird die Studie in Kürze beim europäischen Kardiologenkongress vorgestellt.

Aus der Kardiothek

Auffälliges MRT bei 33-Jähriger – wie lautet Ihre Diagnose?

Ausgeprägtes „Late Gadolinium Enhancement“ (LGE) im MRT bei einer 33-jährigen Patientin, die mit ventrikulärer Tachykardie und eingeschränkter linksventrikulärer Ejektionsfraktion (LVEF) aufgenommen wurde. Wie lautet Ihre Diagnose?

Risikoadjustierter Vergleich zwischen transapikaler TAVI und chirurgischem Aortenklappenersatz

PD Dr. Peter Stachon, UK Freiburg – Sprecher
vs. 
Prof. Rüdiger Autschbach, UK Aachen – Diskutant

Live Cases

Kontroverser Fall: So kann man wiederkehrendes Vorhofflimmern auch behandeln

Ein Patient leidet an wiederkehrendem Vorhofflimmern. Das Team um Prof. Boris Schmidt entscheidet sich für eine ungewöhnliche Strategie: die Implantation eines endokardialen Watchmann-Okkluders, um den linken Vorhof zu isolieren. Das genaue Prozedere sehen Sie hier. 

Spezielle Katheterablations-Strategie bei ausgeprägtem Narbengewebe

Die ventrikuläre Tachykardie eines 54-jährigen Patienten mit zurückliegendem Hinterwandinfarkt soll mit einer Katheterablation beseitigt werden. Prof. Thomas Deneke entscheidet sich für eine unkonventionelle Strategie und erläutert wie das CT  in solchen Fällen helfen kann. 

Komplizierte Mehrgefäß-KHK bei einem jungen Patienten

Mehrere komplexe Stenosen bei einem 46-jährigen Patienten erfordern ein strategisch sinnvolles Vorgehen. Wofür sich das Team um PD Dr. Hans-Jörg Hippe vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Klinik entschieden hat, erfahren Sie in diesem Livecase. 

Bildnachweise
Vortrag von Ch. Liebetrau/© DGK 2019
Vortrag von M. Kreußer/© DGK 2019
Late Gadolineum Enhancement im MRT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg)
Diskussion P. Stachon vs. R. Autschbach/© DGK 2019
Vortrag von T. Schmidt/© DGK 2019
DGK Herztage 2018 - Interview Prof. Dr. Boris Schmidt
Vortrag Prof. Dr. Thomas Deneke - Jahrestagung DGK 2018/© DGK 2018
Vortrag Priv.-Doz. Dr. Hans-Jörg Hippe Jahrestagung DGK 2018/© DGK